Du hast in Amsterdam studiert. Was kannst du an niederländischer Inspiration in deine illustrative Arbeit einfließen lassen?
Ich habe an der Gerrit Rietveld Academie studiert, das ist eine Kunsthochschule mit einem sehr hohen Anteil internationaler Studenten, damals mehr als 60%. Illustration kann man dort gar nicht studieren, ich war in der Abteilung Fotografie und begann während des Studiums zu zeichnen.
Meine_Freunde waren alle Fotografen, Performancekünstler, Maler oder ähnliches, kein einziger Zeichner darunter. Was die Inspiration angeht, waren die vielen verschiedenen Nationalitäten und Kunstrichtungen sicher ein wichtiger Faktor.
Außerdem war es rückblickend möglicherweise ein Glücksfall, dass ich gar keine Illustratoren um mich hatte und auch kaum Ahnung von zeitgenössischer Zeichnung oder Illustration. Ich war mit Anfang zwanzig ziemlich unsicher und ein Grund, warum ich plötzlich mehr zeichnete als fotografierte war, dass ich damit in
einem Pulk Fotografen quasi außer Kokurrenz lief. Auf diese Weise konnte ich damals aber sehr unbeeinflusst an das Zeichnen herangehen, ohne ständig andere Zeichner im Hinterkopf zu haben.
Seit wann bist du als Illustratorin selbstständig und wie hast du den Einstieg bewerkstelligt und
wahrgenommen?
Bei meiner Diplom- Schau 2007 hatte ich vier Jahre Kunsthochschule hinter mir, in denen uns Studenten weitgehend klargemacht wurde, dass Auftragsarbeiten eine Art Tabu sind und nur sogenannte Freie Arbeiten wirklich zählten. Insofern hatte ich gar nicht den Plan, Illustratorin zu werden.
Nach der Diplomschau kontaktierte mich dann allerdings ein Sachbuch-Autor, der an einem Ratgeber über Konfliktmanagement schrieb und der dafür Zeichnungen bei mir in Auftrag geben wollte. Somit war ich plötzlich Illustratorin. Der Auftrag dauerte schließlich fast neun Monate und ich hatte großen Spaß daran.
Mir gefiel die Arbeitsweise, die Auseinandersetzung mit den Ideen des Kunden und natürlich auch das Hochgefühl, als das Buch mit meinen Zeichnungen drin auf den Markt kam.
Nach diesem Auftrag folgten ohne großes Zutun meinerseits weitere Aufträge, hauptsächlich für Magazine, Zeitschriften und Firmen in den Niederlanden. Nach vier Jahren als freie Illustratorin hörte ich von einem neuen Masterstudiengang Illustration an der HAW Hamburg und so bin ich dann wieder in Deutschland
gelandet.
Was bereitet dir aus visueller Sicht Freude?
Alles, was mir aus dem Bereich Zeichnung und Illustration gefällt, stelle ich seit ein paar Jahren auf einen Blog namens „The Kingdom“. Der Blog ist über die Jahre zu einer Art Selbstläufer geworden, und ich bekomme oft EMails von Leuten, die mir bestimmte Zeichner und Illustratoren vorschlagen, was mich immer sehr freut.
Privat habe ich eine große Sammlung von alten SecondHandBildbänden, über Tiere, Pflanzen oder verschiedene Länder, aber auch Bestimmungsbücher über Mineralien und Jahrbücher aus den 70ern und 80ern. Mir gefällt die Ästhetik dieser Bilder sehr gut, die oft leicht surreale Farbigkeit und auch die harten schwarzweiß Kontraste in den Fotos.
In deinem typischen Stil hast du bereits mehrere Bildgeschichten illustriert. Was magst du daran im Gegensatz zu z.B. EditorialArbeiten, wo das TextBildVerhältnis ein anderes ist?
Die beiden Arbeitsweisen sind natürlich sehr unterschiedlich. Wenn ich eine narrative Bildgeschichte zeichne, stehe ich am Anfang immer bei Null: Was will ich erzählen, wie und lohnt es sich eigentlich überhaupt? Meistens beschäftige ich mich mit meinen eigenen Themen; Dingen, von denen ich Ahnung habe und die mich interessieren. Die Editorial – Arbeiten mit vorgegebenen Inhalten bilden sozusagen einen Gegenpol dazu und sorgen dafür, dass ich immer mal wieder über meinen Tellerrand schaue.
In Bildgeschichten kann man komplexe Themen ganz anders darstellen als in Einzelbildern, weil man den Leser schrittweise in die Geschichte einführt.
Dass Editorial Illustrationen als Einzelbild funktionieren müssen, ist dann wieder eine andere Art von Herausforderung.
Gibt es deiner Meinung nach eine illustrative Szene in Hamburg, von der du auch partizipieren kannst, und wie stellt sich diese dar?
In Hamburg gibt es eine große und sehr diverse Illustratoren-Szene. Ich bewege mich hauptsächlich in der ComiczeichnerSzene, bzw. einem Teil davon. Durch das Masterstudium bei Prof. Feuchtenberger kenne ich natürlich viele ZeichnerInnen, die meisten davon machen Comics und mit einigen Kollegen teile ich mir seit einer Weile einen Arbeitsraum.
Außerdem arbeite ich seit zwei Jahren in der Organisation des Comicfestivals Hamburg mit. Das ist ein kleines und sehr feines Festival, das dieses Jahr wieder Anfang Oktober stattfindet. Mein Aufgabenbereich dort ist die Betreung von acht Ausstellungen, in denen die Arbeiten von jüngeren Zeichnern gezeigt werden.
Besten Dank Kathrin!
www.thekingdom-magazine.blogspot.de
Alle Bilder zum Interview: Kathrin Klingner
Das Interview führte Anne Quadflieg für die Illustratoren Organisation e.V.
