Wie Comic-Figuren leben

Wie Comic-Figuren leben

20.01.2021 | IO-News | Rund um Illustration

Hintergründe und Ausstattung in einem Comic sind zusätzliche Akteure, die über das Figurenpersonal im betreffenden Werk hinausgehen. Sie erzählen etwas über die Charaktere und wirken auf sie zurück – gründliche Recherche dieser Ausstattung lohnt also sehr. Das gilt für jede Geschichte, die illustrativ erzählt wird und in der Figuren auftreten, aber für Comics vielleicht in einem besonderen Maß. Und ganz besonders, wenn es sich um einen Stoff handelt, der nachweislich in einer bestimmten Epoche angesiedelt ist.

Bei Adaptionen von Klassikern – sofern man sie in der Epoche, in der sie ursprünglich angesiedelt sind, belässt – wird die Frage geradezu essenziell. Hier gibt es Gelegenheit, altbekannte Figuren über die Ausstattung regelrecht zu charakterisieren. Tut man das auf eine spezielle Art, kann die Adaption sich dadurch von anderen, unter Umständen bereits bestehenden, abheben. Mir hilft hierbei mein natürliches, angeborenes Interesse für Architektur.

Ein Beispiel aus der Praxis: Bei meiner in Arbeit befindlichen Adaption von „20.000 Meilen unter dem Meer“ stellte sich unter anderem die Frage, wie denn die Orgel von Nemo, jenes geheimnisvollen Kapitäns der „Nautilus“, aussehen soll. Da geht die Recherche schon los: In welcher Zeit befinden wir uns? Es ist der Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Was war da auf dem Orgelmarkt los?

Im 19. Jahrhundert kam die französische Orgelkultur durch den Orgelbauer Cavaillé-Coll zu einer besonderen Blüte. Hier haben wir also schon mal einen ersten Anhaltspunkt, wo wir suchen müssen: Welche Orgeln gab es ab den 1850er-Jahren in Frankreich? Die Figur des Nemo hat gemäß Jules Verne sogar eine Zeit lang in Paris studiert; dass Nemo also dort mit französischen Orgeln in Berührung kam, ist naheliegend.

Wofür entscheidet sich aber eine sinistre, sonderliche Figur wie Nemo mit den Zügen eines Genies? Wählt er wirklich das gängige Standardmodell eines Orgelgehäuses seiner Zeit? Oder lässt er sich eine Sonderanfertigung ausführen? Solche Fragen oder Annäherungen sind für unsere zeichnerische Aufgabe und auch für die Erzählung der Geschichte entscheidend.

Ich hatte erst einen Entwurf für Nemos Orgel gemacht (wie hier gezeigt), der sich an typisch französischen Hausorgeln des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientiert, weil mir klar war, dass Nemo auf jeden Fall stilistisch seiner Zeit (Mitte des 19. Jahrhunderts, siehe oben) voraus sein muss – denn er ist nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich teilweise ein Vordenker, bei allen dunklen Seiten, die er hat. Dennoch war mir das Design noch zu traditionell. Der Orgelprospekt konnte durch ein etwas exzentrischeres Design als dieses hier auf die Figur des Nemo im Comic zurückwirken – und damit zusätzlich etwas über die Figur aussagen, ergänzend zu der Art, wie Nemo in Dialogen und der Handlung an sich dargestellt und charakterisiert wird. Die Orgel Nemos wird sich also an einem anderen, etwas eigenwilligeren Modell orientieren als dem hier gezeigten.

Auf diese Art, die solche Prozesse auslöst, kommt wohlüberlegte Ausstattung in deinem Comic zustande, und übrigens auch in anderen Formen von Illustration. Die Ausstattung ist mitbestimmend für den Charakter der auftretenden Figuren und ihres Lebensraums. Die Ergänzung dieser erzählerischen Komponente durch unsere Darstellung und Interpretation ist ein wichtiger Aspekt für uns Bildautor*innen.

Thilo Krapp