Experimente jenseits der Illustration

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© 2021 Franziska Ruflair

Experimente jenseits der Illustration

26.05.2021 | 2021 | IO-News | Rund um Illustration

Über Illustration und Comics sprechen – so ganz ohne die Bildebene? Was im ersten Moment kontraintuitiv klingt, geht erstaunlich gut zusammen.

Podcasts sind ein Trendthema in allen Sparten – ob True Crime, Audio-Dokumentation oder vor sich hin plätschernde, seichte Unterhaltung. Musste die Frage ‚Hörst du Podcasts?‘ früher noch von einer Erklärung des Mediums begleitet werden, so ist das episodenartige Audioformat inzwischen in der Masse und in den Gehörgängen der Hörer*innen angekommen.

Illustrator*innen verbringen arbeitsbedingt viel Zeit alleine am Schreibtisch. Als Marathonläufer*innen unter den kreativen Professionen sind wir gewöhnt, viele Stunden am Stück mit Auge, Hirn und Hand konzentriert zu arbeiten. Aber dass das zwischen erster Skizze und finalisierter Reinzeichnung schon mal furchtbar langweilig werden kann, ist leider die öde Wahrheit.

An dieser Stelle kommen die Audiomedien als spannende Gesellschaft auf den Plan. Ein Großteil der illustrativen Zunft liebt sie – da ist ein Kanal von Illustrator*innen für Illustrator*innen doch nur konsequent und eine charmante Alternative zu fiktionalen Stoffen.

Nachdem wir selbst lange Jahre ‚heavy users‘, oder vielleicht besser ‚heavy listeners’ waren, haben wir uns im vergangenen Herbst dazu entschieden, von der Konsumentinnen- auf die Produzentinnenseite zu wechseln. Im September 2020 startete unser Projekt „Art, Work & Progress“-Podcast mit der ersten Folge „Wie weit komme ich ohne Talent?“.

Frei nach dem Motto „Alles neu macht die Pandemie“ wurde dieses Leidenschaftsprojekt eigentlich zwischen Tür und Angel geboren. Als im letzten Jahr die Welt stillstand, wir niemanden treffen oder an inspirierende Orte reisen konnten, blieb uns als Illustratorinnen die Möglichkeit offen, auf Entdeckungsreise nach innen zu gehen. Zu sehen, was dort an kreativer Herausforderung schlummert.

Und wie wir feststellten, muss es nicht zwingend ein gezeichnetes Bild sein. Gestartet sind wir bei unserem Experiment „Podcast” mit jeder Menge Recherche: Was für Podcasts gibt es bereits, die uns gefallen? Was finden wir gut, was wollen wir verändern? Wie würde sich unser Podcast davon unterscheiden?

Nachdem wir uns das nötige Material (Mikrofone, Aufnahmeequipment, Podcast-Hosting) zugelegt hatten, haben wir zunächst mehrere Folgen als unveröffentlichten Testlauf aufgenommen. Während dieser Zeit konnten wir viel des Recherchierten selbst ausprobieren und uns ohne Druck der Zielvorstellung in unserem Kopf nähern. Schließlich haben wir uns – kurz bevor wir uns dazu bereit gefühlt haben – für die Veröffentlichung entschieden.

Mittlerweile nimmt das Podcasten etwa einen Tag die Woche in unserer beider Leben ein. Es ist unglaublich spannend zu sehen, was möglich wird, wenn man einem Projekt einen solchen Raum gibt. Und welche Energie sich daraus entwickelt!

Ein Satz, der uns häufig bei Kund*innen begegnet, ist: „Ich finde das toll, was Sie machen, aber ich könnte das nicht.“ Die Wahrheit ist: Das Gefüge aus Zeit, Übung und Mut, Neues zu wagen dahinter stimmt nicht. Natürlich kann das Projekt durch Erhöhung der Sichtbarkeit und Schärfung des Profils auch einen Marktnutzen haben. In erster Linie aber öffnet es eine neue schöpferische Quelle. Unser Podcast hat sich für uns zu einer kreativen Spielwiese mit Forschungslabor entwickelt, auf der wir uns regelmäßig mit Fragen eines kreativen Lebens auseinandersetzen.

Die Lernkurve war dabei wie bei jedem neuen Thema sehr steil, aber dann doch besser zu bezwingen, als zu Beginn des Experiments gedacht. Letztlich ist der wichtigste Schritt immer der nächste, der kommt. Und der beste Zeitpunkt etwas Neues auszuprobieren, ist genau jetzt!

 

Franzsika Ruflair und Jennifer Daniel, Illustratorinnen